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Am 19. Mai 2015 erscheint zum 70 Jahr-Jubiläum des Kriegsendes:
Werwölfe im Waldviertel? Das Jahr 1945 im Granithochland,
Sachbuch, Verlag edition innsalz,

 

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„Es ist aus!“
Marktplatz von Arbesbach vor dem Gasthaus Leopold Eichinger
nach der Kapitulation am 8. Mai 1945, Foto aus der Pfarrchronik von Arbesbach,
Franz Wiesinger nach © Unbekannt

Samstag, 19. Mai 1945. Zwei entlassene KZ-Häftlinge aus Mauthausen treiben gegen Abend mit vorgehaltenen Pistolen in Arbesbach im Waldviertler Hochland acht blutjunge Hitlerjungen aus dem „Altreich“ vor sich her. Diese hatten sich die Nacht zuvor auf dem Heuboden des Gasthauses Graf versteckt, ehe sie hinter der Orgel des Gotteshauses Zuflucht gesucht haben. Dort wurden sie soeben aufgestöbert. Zwei einheimische Denunzianten haben sie verraten. Gnadenlos werden sie nun den Hügel zum Gemeindewäldchen hinunter gehetzt. Auf dem Scheibner Kirchensteig bleibt das Erschießungskommando mit den Todgeweihten stehen. Es fallen acht Schüsse. Die Eltern von Walter, Helmut, Ernst und Heinz in Essen, die von Karl-Heinz in Bochum und jene von Klaus in München warten vergeblich auf ihre Söhne. Auch die Angehörigen zweier Unbekannter hoffen vermutlich umsonst auf die Rückkehr ihrer Kinder. Es könnte jedoch sein, dass die vermeintlichen „Werwölfe“ ganz andere Namen trugen, denn mindestens einer von ihnen führte falsche Papiere mit sich. Der, dem sie gehörten, lebt noch und erfreut sich bester Gesundheit.

1938 wurden im Waldviertel 42 Dörfer geräumt und 7000 Menschen vertrieben, um Hitlers Truppenübungsplatz Allentsteig (damals noch „Truppenübungsplatz Döllersheim“) Platz zu machen. Auch dessen Großmutter Anna Maria Schickelgruber und sein Vater Alois stammen von hier.

Bis heute wird Allentsteig nicht nur vom österr. Bundesheer, sondern auch von anderen Heeren der EU genutzt, die auf dem überdimensionierten Gelände von Hitlers Gnaden Krieg spielen – ohne an Restitution zu denken. Vom NS-Regime hatten die Zwangsausgesiedelten damals nur eine äußerst knapp bemessene Entschädigung erhalten.

1957 stellte eine Historikerkommission im Auftrag der Österreichischen Bundesregierung fest, dass „Enteignungen zu militärischen Zwecken keine typisch nationalsozialistische Erwerbsart darstellen und daher auch nicht als Entziehung gewertet werden“. Alle 650 privaten Rückstellungsanträge wurden negativ beantwortet, nur der Stipendienstiftung Windhag und dem Stift Zwettl wurden Ablösen bezahlt und Gebiete restituiert.

„Diese Ungleichbehandlung ist völkerrechtswidrig. Ich möchte mit meinem Buch dazu beitragen, dass die Republik dieses schreiende Unrecht an den Nachfahren wieder gutmacht“ sagt Ilse Krumpöck.

Sehen Sie die Protagonistin des Buches “Das Nordlicht von Döllersheim” Maria Geisberger und die Autorin Ilse Krumpöck auf YOUTUBE in einem Video von edition innsalz.

“A  STAADA  PUNSCH”
Ilse Krumpöck liest aus ihrem Buch Das Nordlicht von Döllersheim
jene Passagen aus dem Leben der Aussiedlerin Maria Geisberger,
die sich auf die Weihnachtszeit 1938 -1948 beziehen.

Musikalische Umrahmung Andreas Jaksch

Ort: Bad Traunstein, Josef Elter- Zentrum
Datum: Samstag, 20. Dezember 2014
Zeit: 19.30 Uhr
Der Eintritt ist frei!

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“DAS NORDLICHT VON DÖLLERSHEIM”

Das Buch basiert auf den Erinnerungen von Maria Geisberger, einer 1927 geborenen „Aussiedlerin“ aus Döllersheim im Waldviertel, die als über 60jährige in Friedersbach bei Zwettl ein Gedächtnisprotokoll zu ihrer Jugend verfasst hat. Ihre alte Heimat musste dem Truppenübungsplatz Adolf Hitlers weichen, den dieser den Bewohnern abgepresst hat. Die Aufzeichnungen der Zeitzeugin sind im vorliegenden Tatsachenroman als „handschriftlicher“Beleg zu erkennen und werden mit historischen Fakten verwoben.

Fein säuberlich trug die heute hoch betagte Frau alles in ein Büchlein ein, was sich in ihrem Umfeld in den Jahren 1938 bis 1948 ereignet hat. Die geistig rege Aussiedlerin begann zu Sylvester 1988, ihre prägenden Jahre Revue passieren zu lassen. Mit einer ebenmäßigen Schrift und zahlreichen eingeklebten Fotos, Zeitungsausschnitten und Sterbebildchen dokumentierte sie akribisch alle Ereignisse in diesem grünen Band, dessen Wertschätzung allein schon wegen seiner kostbar anmutenden Goldprägung auf der Vorderseite zum Tragen kommt. Liebevoll fügte sie Bilder ihrer alten und neuen Heimat ein und mühte sich, eine historisch nachvollziehbare Chronologie der historischen Ereignisse in den Mikrokosmos ihrer bäuerlichen Welt einzubetten.

Die kluge Bauerntochter, die nach der Pflichtschule nie eine weiterbildende Anstalt besucht hat, sondern immer in der Landwirtschaft tätig war, verstand es, mit gewählten Worten und vorbildlicher Rechtschreibung die Vorkommnisse der damaligen Zeit authentisch wiederzugeben. Dies ist umso bemerkenswerter, als sie zu Hause immer Waldviertler Dialekt gesprochen hat und als Mädchen mehrfach von Mai bis Dezember wegen der Heu- und Kornernte der Schule fernbleiben musste.

Vor Jahren einmal las Maria in der ruinösen Friedenskirche von Döllersheim nach einem ökumenischen Gottesdienst aus ihren Aufzeichnungen vor, als die geistliche Prominenz und die weltlichen Honoratioren die 50-Jahrfeier dieses geschichtsträchtigen Ortes begingen. Damit sie nichts vergisst, notierte sie damals die wichtigsten Passagen auf kleine Zettel, die sie heute bei ihren Aufzeichnungen als Erinnerung verwahrt.

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© Katharina Schabauer: Friedenskirche von Döllersheim mit Friedhof heute

 

Ein anderes Mal borgte sie dem niederösterreichischen Landesarchiv ihren einzigartigen Schatz, den sie lange verschämt vor ihren Söhnen versteckt hielt. Nach dem Kopieren der vielen handgeschriebenen Seiten schickte ihr der Archivrat aus St. Pölten einen Dankesbrief. Auch den hält Maria in Ehren. Deswegen klebt das Dokument seither auf der letzten Seite ihrer Notizen.

Verwandte, Freunde und Bekannte aus ihrer Jugend in Döllersheim hat Maria kaum noch, weil ihr die meisten weggestorben sind. Man kann die Überlebenden an einer Hand abzählen. Bis vor kurzem traf sie sich alljährlich noch mit einigen Aussiedlern. Am Allerseelentag pilgerten sie stets in die „Alte Heimat“, die von den Nationalsozialisten verniedlichend „Döllersheimer Ländchen“ genannt wurde und gedachten gemeinsam der toten Angehörigen, die dort bestattet sind. Manche Erinnerung wurde dann wieder wach.

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Pfarrkirche und Friedhof von Döllersheim um 1938, Druck aus Marias Büchlein

Meine Eltern haben in der Kirche von Döllersheim 1926 geheiratet. Ich wurde dort getauft und empfing im Jahre 1936 die Erste heilige Kommunion. Im Juni 1937 wurde ich von Bischof Michael Memelauer in dieser Kirche gefirmt. Auf dem Friedhof von Döllersheim sind auch drei meiner Brüder begraben. „Einer ist nur ein halbes Jahr alt geworden. [i] Das war noch, bevor ich in die Schule kam. Der zweite ist ihm mit acht Monaten gefolgt. Der ist gestorben, wie die Eltern bei der Kartoffelernte draußen gewesen sind. Ich hab auf ihn aufgepasst und mit ihm gespielt. Er hat noch ‚gekudert’ vor Lachen, bevor’s ihn auf einmal gebeutelt hat. So schnell, wie ich die Mutter geholt hab, bin ich wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben gerannt. Sie hat dann zwar noch den Doktor geholt, der gemeint hat, das seien die ‚Froasn’ und da könne man halt nichts machen. Bis es der Vater mit den Ochsen nach Haus geschafft hat, war’s aber schon zu spät. Auch mein dritter Bruder ist als Kind gestorben, der nur ein Jahr jünger gewesen ist als ich. Plötzlich hat er hohes Fieber gekriegt, nachdem wir in den Regenlacken herumgehüpft sind. Am nächsten Tag hat ihm jeder Knochen wehgetan. Er sagte, es sei, als ob ein „Holzschuh“ auf ihn drauf gefallen wär. Obwohl er mich noch gebeten hat, seinen Platz in der Schule zu reservieren, ist es ihm immer schlechter gegangen. Der hat gespürt, dass es mit ihm zu Ende geht. Plötzlich hat er die Mutter gerufen und gesagt: ‚Muata, i muass sterbn!’ In der Nacht darauf hat sie mich aus dem Schlaf gerissen und gesagt, dass ich ihn ‚pfiatn’ soll. Ich hab überhaupt nicht verstanden, warum, weil ich so verschlafen war. Am Morgen danach ist er schon aufgebahrt gewesen. An dieser geheimnisvollen Krankheit sind noch zwei Schüler in meiner Klasse gestorben. Ein erwachsener Mann in Döllersheim wurde auch krank, der ist aber wieder gesund geworden und hat nachher einen steifen Arm gekriegt. Es war eine richtige Epidemie. Nachher ist in der Zeitung gestanden, dass unsere Familie ein schweres Schicksal erlitten habe, weil meine Eltern innerhalb von vier Jahren drei Söhne verloren hätten.“

 

Nun sind Maria in Döllersheim nur noch die Gräber ihrer Lieben geblieben, die sie jahrelang sorgfältig gepflegt hat, zusammen mit den jungen Freiwilligen aus Franzen, die ein junger Benediktiner aus Seckau dazu bewegen konnte, diesem beschaulichen Gottesacker ein würdiges Aussehen zu verleihen. Einmal schenkte der Mönch Maria sogar sein Jausenbrot, als sie dort jätete. Im Arbeitsanzug der Feuerwehr hatte sie den Ordensbruder, der aus Großglobnitz stammte, zuerst gar nicht erkannt. Die Begegnung wird ihr ewig in Erinnerung bleiben, denn vier Jahre später war der junge Mann tot. Er ist bei einem Motorradunfall verunglückt. Auch sein Sterbebildchen hat Maria in ihr Buch eingeheftet.

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© Katharina Schabauer: Friedhof von Döllersheim heute

 

Der Friedhof von Döllersheim mit seinen schmiedeeisernen Kreuzen, den einheitlichen Fünffingersträuchern auf den Gräbern und den rostigen Blechengeln, die pausbäckig die Toten bewachen, mutet romantisch an. Eine ganz eigene Atmosphäre des Verlassenen, Verblichenen und Verwesten ist hier zu spüren. Mehr als auf anderen Friedhöfen prägt dieser Eindruck die Idylle. Aber der Schein trügt. Es macht sich ein Misston in der harmonischen Stille breit, wenn man daran denkt, dass die Ahnen eines größenwahnsinnigen Tyrannen in dieser Erde ruhen, dessen Schreckensherrschaft einst von einem Nordlicht „eingeleuchtet“ wurde.

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© Gerhard Geisberger: Engel auf dem Döllersheimer Friedhof

 

Manche glauben, dass die seltene Himmelserscheinung am 25. Jänner 1938 ein Zeichen für die nachfolgenden Gräuel des Zweiten Weltkriegs gewesen sei. Maria ist eine fromme Katholikin. Ihr verbietet die Religion, im Nordlicht ein böses Omen zu sehen. 60, mit den Kriegsfolgen gerechnet sogar 80 Millionen Menschen, haben Adolf Hitler und seine Schergen auf dem Gewissen. Wie hoch die Zahl der Opfer auch sein mag: Maria weiß nur, dass ihr dieser Hitler die Heimat und danach die schönsten Jahre gestohlen hat.

Sehen Sie die Protagonistin des Buches “Das Nordlicht von Döllersheim” Maria Geisberger und die Autorin Ilse Krumpöck auf YOUTUBE in einem Video von edition innsalz.

 

Für alle Leser der Homepage gibt es hier die Klappentexte. Das neue Buch erschien im April 2014 im Verlag edition-innsalz.


 

Klappentext

Ferdinand und Franz aus dem Armenhaus von Zwettl werden 1876 auf Betreiben des Bürgermeisters nach Unter St. Veit ins Rettungshaus für verwahrloste Kinder abgeschoben. Dort werden sie von einem korrupten Hausvater an den Protektor des Schutzvereins dieser Unmündigen, den Erzbischof von Wien, als Lustknaben vermittelt. Dessen Sekretär kommt ihm auf die Schliche, wagt es jedoch wegen der von Rom verordneten Geheimhaltungspflicht nicht, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Beide Knaben werden abhängig von ihrem prominenten Beichtvater und nach ihrer Pubertät Urninge, also homosexuell, was später vom Zeichenlehrer Ferdinands im bischöflichen Knabenseminar Hollabrunn ausgenützt wird. In Erinnerung an die Affaire Groër und die permanenten Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche wird hier auf die tatsächlich „Verwahrlosten“ im Klerus Bezug genommen. Das Verblüffende ist, dass der leibliche Sohn des Armenhäuslers Johann Nepomuk Kohler, Ferdinand, sein Arztstudium bravourös beendet, während Franz, der illegitime Sohn des Bürgermeisters von Zwettl, zum Mörder wird.

Zwanzig Jahre danach wird ein junger Seelenarzt gemeinsamer Ansprechpartner, da die Akteure aus verschiedenen Gründen unter Schlaflosigkeit leiden und der junge Emporkömmling als Experte auf dem Gebiet der Insomnie gilt. Er steht kurz vor der Habilitation und interessiert sich ausschließlich für seine Karriere und die Tochter des jüdischen Primararztes von Steinhof, obwohl er mit der antisemitischen Stimmung seiner Zeit sympathisiert. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der drohenden Wolken des Ersten Weltkriegs.

 

LESEPROBE

…Deswegen rat ich Dir dringend, öfter mit mir in die Kirche zu gehen. Dann wird der liebe Gott Dir vielleicht verzeihen, dass Du immer Unfug treibst während der Mess. Und weil Du sowieso noch viel lernen musst, bis Du eines Tages ein Subdiakon sein wirst, darfst Du mir inzwischen den Blasbalg treten bei der Orgel.“ Das hat mich natürlich stolz gemacht vor den anderen Kindern und fromm, wie ich es danach nie mehr gewesen bin. Dass es nicht beim Blasbalgtreten geblieben, sondern zum Blasen, Balgen und Treten hinter den Orgelpfeifen gekommen ist, dafür kann ich nichts. Auch dass der Herr Schullehrer Krautgartner statt meiner Luftstöße für sein Harmonium lieber seine Luststöße an mir ausprobiert hat, war nicht meine Idee. Dass ich so versaut worden bin, hat einzig und allein der Herr Schullehrer Krautgartner auf dem Gewissen. Von ihm hab ich alles gelernt. Ein getriebener Triebtäter war er, wie ich es später geworden bin.

Wehe, wenn Sie auch nur ein Sterbenswörtchen jemandem davon erzählen, Herr Doktor, was ich Ihnen da alles anvertrau! Dann holt Sie womöglich auch noch der Böse, nicht nur mich, Sie werden sehen! Dann windet er sich bei Ihnen auch jede Nacht aus dem Botschamber heraus. Und dann müssen S’ womöglich genau wie ich drei Jahr vor der ewigen Verdammnis bei den Schwestern hier im Kloster ausharren.  Bis ihre Schuld getilgt ist…

 

 

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Klappentext von
Sittlich minderwertig!

Bereits mit diesem Urteil einer Volksschuldirektorin wurden Ende der 1950er Jahre die beiden Barackenkinder Fini und Christl, die in einer kinderreichen Familie in den Notunterkünften des ehemaligen Fluko- Lagers in Vöcklabruck lebten, im Schülerbeschreibungsbogen als „Abschaum“ abgestempelt. Die Armut dieser Ausgegrenzten war so groß, dass sie nicht einmal Unterhosen besaßen, ein Mangel, der einen behinderten Kinderschänder aus gutem Hause dazu animierte, sich ihnen unsittlich zu nähern. Da die beiden Mädchen überdies bettelten und ihre Eltern mit ihrer Erziehung überfordert waren, kamen sie in das Heim für „Schwererziehbare“ nach Kramsach in Tirol, wo erst ihr wahrer Leidensweg begann. Unter einer sadistischen Heimleitung der Mutwilligkeit bösartiger Erzieherinnen ausgesetzt, begann ein unvorstellbares Martyrium in tradierten nationalsozialistischen Erziehungsmodellen für die beiden Schwestern und ihre Leidensgenossinnen, die sich etwa im Karzer mit den Ratten befreundeten und ihre kahlen Stellen der ausgerissenen Haare wegen beim Kirchgang unter Mützen verstecken mussten.

Auch die lieblosen Führungsberichte der Direktorin an das Jugendamt- im Original zitiert- strotzen nur so vor verbalen Faustschlägen. Die Zustände in Kramsach riefen schon 1964 die oberösterreichische Wochenzeitung „ECHO“ auf den Plan, die zwar ausführlich über die Gräuel berichtete, deren wiederholter Appell jedoch bei den zuständigen Behörden auf keinerlei Widerhall stieß. Alles blieb beim Alten. Als Fini aus Hunger lange Zeit hindurch heimlich aus der Speisekammer Esswaren stahl und dabei ertappt wurde, überstellte man die beiden in andere Heime, wo sie eine Haushaltungsschule besuchten und fortan getrennte Wege gingen.

Nach ihrer Entlassung aus der Fürsorgeerziehung konnten beide nie über ihre Zeit im Heim hinwegkommen. Besonders im Leben Finis, deren Verlustängste in der Kindheit sich fortan negativ auf ihre Beziehungen zu Männern auswirkten, kam es zu vorprogrammierten Schwierigkeiten, die sie sich heute, mit fünfundsechzig Jahren, als Gedächtnisprotokoll von der Seele schrieb. Aus ihrer permanenten Suche nach Nestwärme entwickelte sich eine übersteigerte Rastlosigkeit, die sich in zahlreichen Umzügen, vielen verschiedenen Lebenspartnern, mehrfachen Eheschließungen, reichlichem Kindersegen und darauf folgenden Scheidungen, Selbstmordversuchen und Klinikaufenthalten in der Psychiatrie manifestiert. Ein typisches Beispiel für das klägliche Scheitern staatlicher Fürsorgeerziehung der Nachkriegszeit!

Mit diesem Buch, in dem jedes Wort wahr ist, lieh die Autorin der Protagonistin abwechslungsweise ihre Stimme, damit diese ihr Unrecht in literarisch würdiger Form in die Welt hinausschreien konnte. Ein Leid jagte das andere und die Trostlosigkeit ihrer Lebensreise ohne Rückfahrkarte ist Fini heute durchaus bewusst. Auch Christl kann ihren Peinigern nicht verzeihen. Doch das Rad der Zeit lässt sich nun einmal nicht mehr zurück drehen, auch wenn den beiden ehemaligen Heimkindern durch dieses Buch zu Entschädigungszahlungen und sensiblen Entschuldigungsschreiben verholfen werden konnte, wofür dem Landeshauptmann von Tirol, Günther Platter, und den zuständigen Opferschutzstellen herzlich gedankt sei.

 

Rückseite

„….Die Zöglinge des Landeserziehungsheimes Kramsach in Tirol essen sich gegenseitig das ihnen vorgelegte Essen auf, da ihnen die Portionen zu klein seien. Sie haben Hunger. Manche Kinder trachten das Essen von ihren Kollegen zu bekommen, denen das Heimessen gerade nicht schmeckt und die in der glücklichen Lage sind, genügend Pakete von den Angehörigen zu bekommen. Die Essensreste werden unter den unappetitlichsten Umständen von den Hungrigen eingesammelt.

Es kommt immer wieder vor, dass Kinder mit Wissen des Heimpersonals von anderen geschlagen werden. Unter den Kindern wird über Besuche bei den Erzieherinnen gemunkelt. Es wird unter ihnen davon gesprochen, wenn jemand bei der Schwester (es werden Namen genannt) oben war.

Kindern, die aus dem Heim fliehen, wird nach ihrer Wiedereinlieferung das Haar (sic!) kahl geschoren. Nicht immer, aber es sind konkrete Fälle bekannt, in denen es geschehen ist. Besonders erniedrigend wird dann von den so verunstalteten Mädchen empfunden, wenn ihnen beim Spaziergang im Ort das ihren kahlen Kopf bedeckende Tuch heruntergerissen wird.

Es sind in Kramsach bereits Selbstmordversuche vorgekommen, um aus dem Heim fort zu kommen. Ein Mädchen hat rund 60 (sechzig) Nägel geschluckt, um ins Spital gebracht zu werden. Diese Vorfälle werden vom Landeserziehungsheim in Kramsach berichtet. Für dieses Heim ist die Tiroler Landesregierung zuständig. Sie trägt die Verantwortung für die Erziehung der hier untergebrachten Kinder…“

(zit. nach „Hört Euch Fini an“, in: Echo, 20. Jahr, Nr. 17, 1964, 20).
Das Buch “Sittlich minderwertig” von Ilse Krumpöck kaufen bei Edition innsalz.

 

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